Der Dünndarm
In den ersten 20-30
cm des Dünndarms erfolgt die endgültige Aufspaltung und Aufnahme der
Nahrungsbestandteile (Glucose, Eiweiss und Fette) ins Blut. Ohne diesen
Teil des Darmes kann kein Mensch überleben, es sei denn, die Bestandteile
der Nahrung werden ihm durch die Vene zugeführt (!). Für den Verdauungsvorgang
sind die Gallensäuren (Ermöglichung der Fettverdauung) und die Enzyme
der Bauchspeicheldrüse (Spaltung der Fette und Spaltung der Kohlenhydrate
und Eiweiße) unerlässlich. Die so im Dünndarm aufgespaltenen Nahrungsbestandteile
werden über die Schleimhaut des Dünndarms ins Blut aufgenommen. Ist
die Verdauungsfunktion intakt, die Aufnahme der Bestandteile der Nahrung
aber durch Erkrankungen der Dünndarmschleimhaut gemindert oder sogar
unter Umständen nicht möglich (wie z.B. bei Crohnerkrankung des Dünndarms
oder aber bei der Sprue), kommt es ebenso wie bei der Störung der Bauchspeicheldrüse
(siehe oben chronische Pankreatitis) zu Stuhlveränderungen u. schweren
Mangelerscheinungen bei den Betroffenen. Die häufigsten Erkrankungen
der Dünndarmschleimhaut sind das Dünndarmgeschwür (Ulcus duodeni),
die einheimische Sprue (Zöliakie) und - vor allen in den unteren
Anteilen des Dünndarms! - die Crohnerkrankung.
Wie oben für das
Magengeschwür beschrieben, so ist für die Geschwürserkrankung des Dünndarms
vor allem die Infektion mit Helicobacter pylori anzuschuldigen. Noch
häufiger als im Magen wird ein Zwölffingerdarmgeschwür (Ulcus
duodeni) durch den Helicobacterkeim ausgelöst (in über 90 % der Fälle).
Die Mechanismen sind oben für die Magenschleimhaut und das Magengeschwür
beschrieben. Eine Heilung des Zwölffingerdarmgeschwürs ist zwar durch
Magensäureblocker (Protonepumpenhemmer) möglich, wenn die zu Grunde
liegende Infektion aber nicht behandelt wird, treten in fast allen Fällen
neuerliche Zwölffingerdarmgeschwüre auf. Die Behandlung der Helicobacterinfektion
ist beim Magengeschwür beschrieben (Eradikation). Im Gegensatz zum Magengeschwür
sind Zwölffingerdarmgeschwüre so gut wie nie bösartig. Eine endoskopische
Kontrolle mittels Magenspiegelung/Zwölffingerdarmspiegelung ist dem
zu Folge auch nicht erforderlich. Der Behandlungserfolg muß aber dem
Helicobacter-Atemtest (siehe bei Untersuchungen) überprüft werden. Dieses
sollte 4 Wochen nach Ende der einwöchigen Kombinationsbehandlung erfolgen,
auch wenn der Patient zu diesem Zeitpunkt vollständig beschwerdefrei
ist!
Verschiedene Ursachen
sind bekannt, die eine Aufnahme der Nahrungsbestandteile durch die Dünndarmschleimhaut
in den ersten 20-30 cm des Dünndarms behindern können. Einige Störungen
- wie z.B. der oft angeborene Laktasemangel - betreffen nur einige Bestandteile
der Nahrung. Andere Störungen - wie z.B. die einheimische Sprue
- beeinträchtigen die Aufnahme aller Nahrungsmittelbestandteile. Bei
dieser Erkrankung, die typischerweise im Kindesalter auftritt, aber
auch vor allem bei Frauen erst zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr (selten
später) vorkommt, wird die gesamte Dünndarmschleimhaut dermaßen geschädigt,
dass sie ihre Funktion nicht mehr wahrnehmen kann. Ursache ist eine
allergische Reaktion. Bestimmte Eiweißstoffe in Getreide und Getreideprodukten
(Gluten, in vielen Nahrungsmitteln vorhanden!) lösen in der Schleimhaut
des Dünndarms eine Allergiereaktion aus, die zu einer Abflachung und
Funktionsschädigung der Schleimhaut führen (Schleimhautatrophie). Auch
andere Ursachen können eine solche Schleimhautatrophie auslösen (z.B.
seltenere Infektionskrankheiten). Die Folgen sind immer die gleichen:
Mangelsymptome bei den Betroffenen, oft häufige, übelriechende Durchfälle
und typischerweise auch Gewichtsverlust. Eine Heilung dieser Erkrankung
ist nur möglich, wenn die auslösende Ursache - nämlich die Allergiereaktion
auf Gluten - vermieden wird. Dieses ist ausschließlich durch eine konsequente
Diät möglich. Es dürfen keine Nahrungsmittel aufgenommen werden, die
Gluten enthalten. Wenn die Diagnose einer Sprue gestellt ist (Schleimhautprobe
aus dem Dünndarm, Antikörperdiagnostik im Blut), muß diese Diät konsequent
und meist lebenslang eingehalten werden! Der Erfolg stellt sich in einigen
Wochen bis Monaten ein. Er ist meist überzeugend! Durch einen einzigen
Diätfehler kann er u.U. schon zunichte gemacht werden. Eine große Hilfe
bei der Auswahl und bei der Beschaffung der Lebensmittel, die kein Gluten
enthalten, bietet die Deutsche Zöliakiegesellschaft den Patienten an.
Nicht unerwähnt bleiben darf, dass vor allem die unbehandelte Sprue
auch ein Risiko für bösartige Erkrankungen im Magen-Darmtrakt und sogar
auch ausserhalb des Magen-Darmtrakts darstellt und daher eine regelmäßige
ärztliche Kontrolle notwendig ist.
Der Morbus Crohn
zählt zu den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Er befällt vor
allem den Dünndarm in seinen unteren Anteil, kann aber in allen Anteilen
des Verdauungstraktes von der Mundhöhle bis zum Enddarm (Speiseröhre,
Magen, oberen Dünndarm, unteren Dünndarm, Dickdarm und Enddarm) auftreten.
Die eigentlichen Ursachen dieser chronischen Entzündung sind nicht bekannt.
Vermutet werden "Autoimmunmechanismen": bestimmte Anteile des Magen-Darmtraktes
(vor allem des unteren Dünndarms) werden vom körpereigenen Abwehrsystem
nicht mehr als körpereigen erkannt, und es kommt zu Abwehrreaktionen
mit einer "Abstoßungsreaktion" des betroffenen Darmabschnitts. Eine
erblich-bedingte Fehlsteuerung des Abwehrsystems hat sicher große Bedeutung.
Diese Fehlsteuerung bedingt, dass das körpereigene Abwehsystem eigene
Anteile des Dünndarms "angreift" mit den oben beschriebenen "Abstoßungsreationen".
Die Folgen sind Geschwüre, sowie akute und auch chronische narbenbildende
Entzündungen in diesen Darmabschnitten. Warum diese Entzündungsreaktionen
in Schüben verlaufen, ist unbekannt. Bei der Endoskopie sind die Folgen
der Entzündungsreaktion sichtbar: typischerweise kleine, an Aphten erinnernde
entzündete Schleimhautareale, aber auch große, in der feingeweblichen
Untersuchung die gesamte Schleimhaut durchsetzende, geschwürige Entzündungen.
Typischerweise sind immer einzelne Segmente des Magen-Darmtrakts betroffen,
die keinesfalls hintereinander liegen, sondern an ganz unterschiedlichen
Stellen im Verdauungstrakt vorhanden sind. Neben Verengungen (Stenosen)
in den betroffenen Abschnitten sind als Komplikationen auch Fisteln
(durch die Darmwand in andere Organe oder aber bis zur Bauchdecke sich
fortsetzende Entzündungsreaktionen) und Fistelgänge oder Abszesse vorhanden.
Die Ausprägung und das Ausmaß der Entzündung sind im Einzelfall sehr
unterschiedlich. So können nur leichte Beschwerden und kaum merkliche
Entzündungsreaktionen oft unbemerkt und unterschwellig vorhanden sein.
In schweren Fällen sind aber hochakute, immer wiederkehrende und mit
Verengungen (Stenosen) und Fisteln imponierende schwere Entzündungsreaktionen
möglich. Da die Ursachen dieser Erkrankung nicht bekannt sind, kann
eine Behandlung die Ursachen auch nicht beseitigen. Nur die Entzündungsreaktion
als solche kann - dem Ausmaß der Beschwerden und dem Ausmaß des Befalls
angepasst - behandelt werden. So ist eine Behandlung mit leichten entzündungshemmenden
Medikamenten unter Umständen ausreichend (Mesalacin-Präparate). Eine
Behandlung mit nebenwirkungsintensiveren, entzündungshemmenden und die
immune Reaktion bremsenden Medikamenten ist oft unumgänglich: zu nennen
sind hier vor allem Cortison-Präparationen und Azathioprin, neuerdings
in schweren Fällen auch Antikörper gegen Entzündungsmediatoren (anti-TNF
alpha). Diese eingreifenden Behandlungsmaßnahmen müssen in ihrem Erfolg
und auch in ihren Nebenwirkungen genau kontrolliert werden. Der Crohn-Kranke
ist - dem natürlichen, nicht vorher sagbaren Verlauf seiner Erkrankung
entsprechend - immer wieder kontroll- und behandlungspflichtig. Wie
bei der Colitis ulcerosa (siehe unten, Dickdarm) ist - wenn auch seltener
- eine bösartige Entartung dieser Erkrankung möglich. Die Deutsche Colitis-
und Crohngesellschaft (DCCV) ist als Selbsthilfeorganisation für die
Betroffenen hilfreich.